Mut ist einer der Pfeiler des Glücks

Liebe Mila,

Ich habe dich nicht vergessen. Nein, wirklich nicht. Im Gegenteil. Ich denke oft an dich. Sehr oft. Fast täglich entwerfe ich in meinem Kopf Briefe, sehe Dinge die ich dir zeigen möchte, habe Unterhaltungen die ich dir weitererzählen muss. Kommt mir ein Gedanke, den ich mit dir teilen möchte, notiere ich ihn mir sofort.

Trotzdem kam seit Monaten kein Brief von mir bei dir an. Der letzte kam aus Sri Lanka, ein Land, das mich inspiriert und berührt hat, in dem ich Neues und Erstaunliches erlebt habe. Auf meinem Schreibtisch liegen etwa ein Duzend Briefe an dich, aus Sri Lanka, Kambodscha, Indonesien und auch aus Frankreich, Spanien und Portugal. Sie sollten dir davon Berichten, was ich auf meinen Reisen gelernt und gesehen habe, dich mit Worten durch mein Leben on the road mitnehmen. Du solltest den Wind in deinen Haaren, das Salz auf deiner Haut und die Schärfe auf deiner Zunge spüren.

Von gebrochenen Herzen, Tränen, Hoffnung und Sonnenuntergängen wollte ich dir erzählen. Davon, wie man sich dank Keksen und Zeichnungen in Sri Lanka mit einem einheimischen Mädchen anfreundet. Oder, wie es sich anfühlt, beim Abschied von 140 Katzen und einer Heldin die Tränen zurück zu halten versucht. Wie befreiend es sein kann, alleine mit dem Auto drei Länder zu durchkreuzen und auf Autobahnraststätten zu campieren. Wie schön es ist, eine Frau zu sein. Ein Brief aus Frankreich sollte dich davor warnen, dass eine wahre Reisende auch das Schlechte auf der Welt sehen wird und dass es gut ist, Schwäche zu zeigen und in einem vermeintlich paradiesischen Ort die Hölle zu entdecken. Ich wollte dir erklären, dass du wählerisch sein sollst, mit wem du dich umgibst und wie es sich anfühlte, als ich merkte, dass es Menschen gibt, die sich durch meine Reisen inspirieren liessen (ich habe bis heute kein Wort dafür gefunden).

Und doch, trotz all dieser Erlebnisse und Ideen kam immer noch kein Brief bei dir an. Warum?

Es ist einfach, Mila, und trotzdem so schwierig. Mir fehlte der Mut!

Ja, dem Mädchen, dass alleine auf Autobahnraststätten übernachtet, sich in grosse Wellen stürzt, sich in Marokko von Fremden einladen lässt, per Autostopp durch Zentralamerika düst und sich, um ein Kätzchen zu retten, mit allen Männern der Welt raufen würde, fehlt der Mut. Du musst verstehen, bei meinen Briefen an dich kehre ich mein Inneres nach aussen. Wie ein Magier der seine Tricks preisgibt, verrate ich dir und denen die dir beim Lesen über die Schulter schauen, was wirklich in mir vorgeht. Das macht mir Angst.

Als ich begann, dir diese Briefe zu schreiben, war ich gerade ich 25 Jahre alt geworden. Ein Vierteljahrhundert also. Dieser Geburtstag war für mich ein Meilenstein. Es war Zeit, meine Träume endlich wahr zu machen. Fertig mit den Ausreden, mit der Angst und den Bedenken. Immerhin war ich jetzt erwachsen. Ich reiste zu diesen exotischen Orten, die die Worte nur so aus mir heraussprudeln liessen. Ein wunderbarer Freund stand mir zur Seite und ermutigte mich, dir immer weiter Briefe zu schreiben. Meine Träume nahmen mehr und mehr Formen an. Ich pendelte um die Welt, half wo ich konnte, schrieb darüber und erhielt unglaubliche Rückmeldungen. Es ist ein Privileg, über das eigene Leben schreiben zu dürfen, verstehst du? Meine Zukunft wurde Realität.

Doch nach meiner Rückkehr in die Schweiz kam die Flaute. Reisen ist wer ich bin. Es liegt in meinen Genen, ich bin damit geboren. Ich kann mich an keine Zeit in meinem Leben erinnern, in der ich nicht davon geträumt habe, in fremde Länder zu reisen. Keine Zeit in der ich nicht einen Ruf und einen Sog verspürte. Das bin ich. Es gibt keinen Grund oder Auslöser für mein Fernweh. Manche Leute sind geborene Sänger oder Tänzer. Ich, ich bin eine Reisende. So sehr ich mein Zuhause und alle Menschen und Tiere darin liebe, so sehr brauche ich doch diese Orte, die mein Herz zum tanzen bringen, zum schreiben.

Wer einmal losgegangen ist, die Faulheit, Angst oder Vorurteile die ihn zurückgehalten haben, überwunden hat, der wird wohl nie wieder davon lassen können. Vom Weggehen, vom Entdecken, vom Horizont. Genau so wie man Sätze erst durch Worte und Worte erst durch Buchstaben erkennen kann, so ist die Welt nur durch Reisen, kleine und grosse Schritte, entdeckbar. Doch wer einmal die Weite, Grösse und Unfassbarkeit erfahren hat, wer mit offenen Augen und lebendigen Sinnen und Geist versucht hat die welt zu sehen und zu fühlen, zu begreifen oder wenigstens zu greifen, der kann nicht zurück. Zurück in die Enge des Vorher. Denn egal wie gross dieses Vorher war, es ist niemals so gross wie die Welt.

Nun fühlte ich mich plötzlich wieder versumpft im Alltag, fühlte mich wieder heruntergezogen von der Angst, von anderen für meine Briefe an dich verurteilt oder gar ausgelacht zu werden. Das Gefühl, dass mein Leben auch nur ein Mü anders ist, als das der anderen, dass es Wert ist, darüber zu schreiben, verschwand mehr und mehr. Plötzlich fühlte ich mich wieder, als hätte ich nichts erreicht, als wäre meine Zukunft noch weiter weg als vorher. Ich war gewöhnlich, langweilig und durchsichtig.

Warum also jetzt? Schreibe ich diesen Brief an einem Strand am anderen Ende der Welt? Bin ich in Kalifornien um dich zu besuchen? Oder besteige ich morgen den Machu Pichu? – Nein, ich tippe ihn in der Uni Bibliothek in Zürich. Eher nicht so exotisch, oder?

Aber ich habe eine Lektion gelernt, die ich mit dir teilen möchte.

In den letzten Wochen tauchte eine Kampagne immer wieder auf meiner Facebook Hauptseite auf. Die Save Kimi – Be Fur Free Kampagne von Vier Pfoten. Durch die täglichen Posts der VierPfoten Aktivisten wurde mir klar, wie viel ein Einzelner bewirken kann. Ich konnte zusehen, wie diese Kampagne wuchs und immer mehr Menschen daran teilnahmen. Fast täglich sah ich neue Bilder von Protestaktionen in grossen Städten Europas, Menschen die in Kimi-Masken vor Burberry-Shops posierten und Poster in die Höhe strecken. Doch all das war nur möglich, dank der harten und inspirierten Arbeit der Aktivisten. Menschen, die sich trauen, zu kämpfen, für eine bessere Welt, ihre Stimmen erheben und nicht aufgeben. Auch wenn die Möglichkeit besteht, zu verlieren.

Mir wurde bewusst, dass ich, wenn ich eine Zukunft möchte, in der meine Worte und Taten Menschen erreichen, dafür arbeiten muss. Ich muss mich trauen, auch wenn die Gefahr besteht, dass andere mich belächeln. Auch ich möchte eine bessere Welt. Für mich, für dich und für uns alle. Davon träume ich und dafür muss ich weiter arbeiten. In meinen Briefen an dich, an der Universität und in meinem täglichen Leben.

Liebe Mila, Träume erfüllen sich nicht von alleine. Sie erfordern viel Mut und Arbeit. Aber sie sind es wert!

In diesem Sinne: Bis zum nächsten Brief!

In Liebe,

– A.

 

HP2283

Photo on 25.10.14 at 16.47 #2

Anm.: Mut ist einer der Pfeiler des Glücks ist ein Zitat des Philosophen Perikles.

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