Ein Tag um an Helden zu glauben

TIEFGARAGE

Liebe Mila,

Heute ist einer dieser Tage, an denen ich gerne an Gott glauben können würde. Vielleicht wäre es einfacher, zu verstehen, warum das Leben den Lauf nimmt, den es nun mal nimmt. Warum Dinge geschehen, die man so niemals begreifen kann, hinter denen man keinen Grund und keinen Sinn sieht. Dinge die geschehen, einfach weil sie geschehen und einen in tiefsten Innern erschüttern, Erlebnisse, über die man nie vollständig hinweg kommt.

Heute ist einer dieser Tage, an denen ich dankbar sein möchte und auch dankbar bin und gleichzeitig wütend, traurig und verständnislos. Ein Tag an dem ich glücklich sein möchte aber es nicht kann, weil da das Wissen ist, dass andere es nicht sein können. Und dass das genau so ich sein könnte, die heute statt Dankbarkeit nur tiefste und unerschöpfliche Trauer fühlen könnte.

Es ist ein Wimpernschlag, eine Bewegung, ein kleines Zögern oder ein Blick zurück der meiner Familie das Leid und die Trauer erspart hat, mit dem 7 andere Familien bis heute seit genau 10 Jahren leben müssen.

Heute jährt sich das grösste Feuerwehrunglück der Schweiz zum zehnten Mal. Am 27. November 2004 stürzte die Decke einer Tiefgarage auf die Feuerwehrleute, die sich in diesem Moment darunter befanden um ein Feuer zu löschen. Sieben starben sofort oder noch auf der Unfallstelle, drei wurden gerettet, einer davon schwer verletzt – mein Vater. Sie hinterliessen Kinder und Frauen. Mein Vater hätte mich hinterlassen, meine zwei Geschwister und meine Mutter. Hätte er einen Meter weiter vorne gestanden, wäre der 27. November 2004 sein Todestag gewesen.

Ich weis nicht, was meinem Vater das Leben gerettet hat. Ob er nur den Bruchteil einer Sekunde langsamer die Stiefel übergezogen hat, der Reisverschluss der Jacke kurz klemmte, ob er einen anderen vorgehen liess oder an der Haustür noch kurz innehielt und zurückblickte, sich versicherte, dass alle seine liebsten tief schlafen. Vielleicht war es Gott, ja vielleicht gibt es ihn. Wer weis das schon. Vielleicht war es Schicksal. Zufall. Ich werde es nie erfahren, niemand wird es je wissen.

Als ich an jenem Morgen zur Schule fuhr, sah ich das Auto meines Vaters auf dem Parkplatz vor der Feuerwehrzentrale. “Es gab ein Feuer, früh heute Morgen. Ich weis nicht, warum er noch nicht zurück ist”, sagte meine Mutter. Obwohl wir schon unzählige solcher Einsätze mitten in der Nacht erlebt hatten, spürte ich diesmal, dass etwas anders war. Zu dem Zeitpunkt lag mein Vater bereits unter den Trümmern begraben – bei vollem Bewusstsein. Später erfuhr ich aus einem Zeitungsinterview worüber er in diesen Minuten – in denen er sich seinem Tod beinahe sicher war – nachgedacht hatte.

“Es hat ihn erwischt”, schluchzte meine Mutter am Telefon.

Piepstöne, Schläuche, Ärzte, Hektik, Tränen. Den Moment, an dem ich ihn Stunden später im Krankenhaus wieder sah, werde ich nie im Leben vergessen. Er zog sich die Sauerstoffmaske vom Gesicht: “Ich habe doch gesagt, ich werde 99.” Die Lunge gequetscht, der Rücken gebrochen – doch er lebte.

Doch trotz der Freude, die ich empfinde, dass er noch lebt, dass wir noch eine Chance bekommen haben, verspüre ich auch die Trauer der Menschen, die heute wieder daran erinnert werden, wie grausam ihre Väter, Ehemänner, Söhne und Freunde aus dem Leben gerissen wurden. Es ist als könnte ich ihre Fragen körperlich spüren: “Warum wir? Warum er? Warum?” Und ich frage mich, ob sie sich wünschen es hätte uns getroffen, statt sie. Frage mich, ob sie vergeben können? abschliessen? weitermachen? ob sie noch wütend sind? Fanden sie Trost?

Auf alle diese Fragen habe ich keine Antwort. Aber ich weis eines, und ich möchte, dass auch du das weisst, Mila:

– Diese Männer waren Helden!

Jahrelang riskierten sie in ihrer Freizeit ihr Leben um andere zu retten. Vom 11. September 2001 in New York bis zum 27. November 2004 in Gretzenbach, Schweiz – glaube immer an Helden, Mila.

Sie sind unter uns – und wenn sie uns entrissen werden, sollten wir uns so an sie erinnern.

Für mich jedenfalls werden sie das immer sein. Vielleicht ist heute also nicht der Tag, an dem ich beginne an Gott zu glauben. Aber es ist ein weiterer Tag, um an Helden zu glauben.

Ceiling of an underground car park collapsed in Gretzenbach

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deckeneinsturtz-einer-tiefgarage-in-gretzenbach

gretz5

Jahresrueckblick-27

Love
-A.

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2 thoughts on “Ein Tag um an Helden zu glauben

  1. Es ist nicht in Worte zu fassen, wie sehr mich diese Zeilen von dir berühren… Die Erinnerung an diese Zeit schmerzt so sehr, am meisten das Wissen, nicht für dich da gewesen zu sein… Weil mir nie bewusst war, wie nahe sich Leben und Tod für dich persönlich an diesem Tag waren…
    I hope you can forgive me.
    D.

  2. So schön und berührend geschrieben.So echt. Ein ganz besonderer Blickwinkel, den wir Feuerwehrmänner nicht haben. Den Blick der nicht direkt involvierten und doch sehr Betroffenen.
    Unter den Trümmern zu liegen fühlt sich an wie von einer übergrossen Hand festgehalten zu werden. Die Hand hält dich immer fester und fester. Angst bekommt plötzlich einen Geschmack im Mund. Mit der Angst kommt die Dunkelheit, die Kälte, die Unkontrollierbarkeit von dir selbst. Es dreht sich. Du siehst dich selber vor dir liegen. Von Betonklötzen eingeschlossen. Etwas lässt die schweren und ausdruckslosen Klötze nich vollends zusammen krachen. Die Lunge schmerzt. Meine Schreie sind lautlos. Und es hält dich fester und fester. So fühlt es sich an, wenn man stirbt. So fühlt es sich an, wenn man auf den letzten Atemzug wartet. Ich kann dein Leid nicht verstehen und ich kann mein Leid nicht erklären. Ich kann nur wissen, dass es dir gleich geht, wenn du von der Hand umschlungen bist. Ich kann aber auch sicher sein, dass du das Gefühl des öffnen der Hand auch erleben wirst. Du wars frei sein wie der Vogel in der Luft. Du wirst begleitetbwerden von einem Engel, der dich führt und schützt. Und du wirst Höhen und Tiefen von dir verstehen. Und du wirst erstaunt sein, wie wenig Interesse dein Umfeld an dieser erlebten Tiefe haben wird.

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