Ein Tag um an Helden zu glauben

TIEFGARAGE

Liebe Mila,

Heute ist einer dieser Tage, an denen ich gerne an Gott glauben können würde. Vielleicht wäre es einfacher, zu verstehen, warum das Leben den Lauf nimmt, den es nun mal nimmt. Warum Dinge geschehen, die man so niemals begreifen kann, hinter denen man keinen Grund und keinen Sinn sieht. Dinge die geschehen, einfach weil sie geschehen und einen in tiefsten Innern erschüttern, Erlebnisse, über die man nie vollständig hinweg kommt.

Heute ist einer dieser Tage, an denen ich dankbar sein möchte und auch dankbar bin und gleichzeitig wütend, traurig und verständnislos. Ein Tag an dem ich glücklich sein möchte aber es nicht kann, weil da das Wissen ist, dass andere es nicht sein können. Und dass das genau so ich sein könnte, die heute statt Dankbarkeit nur tiefste und unerschöpfliche Trauer fühlen könnte.

Es ist ein Wimpernschlag, eine Bewegung, ein kleines Zögern oder ein Blick zurück der meiner Familie das Leid und die Trauer erspart hat, mit dem 7 andere Familien bis heute seit genau 10 Jahren leben müssen.

Heute jährt sich das grösste Feuerwehrunglück der Schweiz zum zehnten Mal. Am 27. November 2004 stürzte die Decke einer Tiefgarage auf die Feuerwehrleute, die sich in diesem Moment darunter befanden um ein Feuer zu löschen. Sieben starben sofort oder noch auf der Unfallstelle, drei wurden gerettet, einer davon schwer verletzt – mein Vater. Sie hinterliessen Kinder und Frauen. Mein Vater hätte mich hinterlassen, meine zwei Geschwister und meine Mutter. Hätte er einen Meter weiter vorne gestanden, wäre der 27. November 2004 sein Todestag gewesen.

Ich weis nicht, was meinem Vater das Leben gerettet hat. Ob er nur den Bruchteil einer Sekunde langsamer die Stiefel übergezogen hat, der Reisverschluss der Jacke kurz klemmte, ob er einen anderen vorgehen liess oder an der Haustür noch kurz innehielt und zurückblickte, sich versicherte, dass alle seine liebsten tief schlafen. Vielleicht war es Gott, ja vielleicht gibt es ihn. Wer weis das schon. Vielleicht war es Schicksal. Zufall. Ich werde es nie erfahren, niemand wird es je wissen.

Als ich an jenem Morgen zur Schule fuhr, sah ich das Auto meines Vaters auf dem Parkplatz vor der Feuerwehrzentrale. “Es gab ein Feuer, früh heute Morgen. Ich weis nicht, warum er noch nicht zurück ist”, sagte meine Mutter. Obwohl wir schon unzählige solcher Einsätze mitten in der Nacht erlebt hatten, spürte ich diesmal, dass etwas anders war. Zu dem Zeitpunkt lag mein Vater bereits unter den Trümmern begraben – bei vollem Bewusstsein. Später erfuhr ich aus einem Zeitungsinterview worüber er in diesen Minuten – in denen er sich seinem Tod beinahe sicher war – nachgedacht hatte.

“Es hat ihn erwischt”, schluchzte meine Mutter am Telefon.

Piepstöne, Schläuche, Ärzte, Hektik, Tränen. Den Moment, an dem ich ihn Stunden später im Krankenhaus wieder sah, werde ich nie im Leben vergessen. Er zog sich die Sauerstoffmaske vom Gesicht: “Ich habe doch gesagt, ich werde 99.” Die Lunge gequetscht, der Rücken gebrochen – doch er lebte.

Doch trotz der Freude, die ich empfinde, dass er noch lebt, dass wir noch eine Chance bekommen haben, verspüre ich auch die Trauer der Menschen, die heute wieder daran erinnert werden, wie grausam ihre Väter, Ehemänner, Söhne und Freunde aus dem Leben gerissen wurden. Es ist als könnte ich ihre Fragen körperlich spüren: “Warum wir? Warum er? Warum?” Und ich frage mich, ob sie sich wünschen es hätte uns getroffen, statt sie. Frage mich, ob sie vergeben können? abschliessen? weitermachen? ob sie noch wütend sind? Fanden sie Trost?

Auf alle diese Fragen habe ich keine Antwort. Aber ich weis eines, und ich möchte, dass auch du das weisst, Mila:

– Diese Männer waren Helden!

Jahrelang riskierten sie in ihrer Freizeit ihr Leben um andere zu retten. Vom 11. September 2001 in New York bis zum 27. November 2004 in Gretzenbach, Schweiz – glaube immer an Helden, Mila.

Sie sind unter uns – und wenn sie uns entrissen werden, sollten wir uns so an sie erinnern.

Für mich jedenfalls werden sie das immer sein. Vielleicht ist heute also nicht der Tag, an dem ich beginne an Gott zu glauben. Aber es ist ein weiterer Tag, um an Helden zu glauben.

Ceiling of an underground car park collapsed in Gretzenbach

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Love
-A.

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Mut ist einer der Pfeiler des Glücks

Liebe Mila,

Ich habe dich nicht vergessen. Nein, wirklich nicht. Im Gegenteil. Ich denke oft an dich. Sehr oft. Fast täglich entwerfe ich in meinem Kopf Briefe, sehe Dinge die ich dir zeigen möchte, habe Unterhaltungen die ich dir weitererzählen muss. Kommt mir ein Gedanke, den ich mit dir teilen möchte, notiere ich ihn mir sofort.

Trotzdem kam seit Monaten kein Brief von mir bei dir an. Der letzte kam aus Sri Lanka, ein Land, das mich inspiriert und berührt hat, in dem ich Neues und Erstaunliches erlebt habe. Auf meinem Schreibtisch liegen etwa ein Duzend Briefe an dich, aus Sri Lanka, Kambodscha, Indonesien und auch aus Frankreich, Spanien und Portugal. Sie sollten dir davon Berichten, was ich auf meinen Reisen gelernt und gesehen habe, dich mit Worten durch mein Leben on the road mitnehmen. Du solltest den Wind in deinen Haaren, das Salz auf deiner Haut und die Schärfe auf deiner Zunge spüren.

Von gebrochenen Herzen, Tränen, Hoffnung und Sonnenuntergängen wollte ich dir erzählen. Davon, wie man sich dank Keksen und Zeichnungen in Sri Lanka mit einem einheimischen Mädchen anfreundet. Oder, wie es sich anfühlt, beim Abschied von 140 Katzen und einer Heldin die Tränen zurück zu halten versucht. Wie befreiend es sein kann, alleine mit dem Auto drei Länder zu durchkreuzen und auf Autobahnraststätten zu campieren. Wie schön es ist, eine Frau zu sein. Ein Brief aus Frankreich sollte dich davor warnen, dass eine wahre Reisende auch das Schlechte auf der Welt sehen wird und dass es gut ist, Schwäche zu zeigen und in einem vermeintlich paradiesischen Ort die Hölle zu entdecken. Ich wollte dir erklären, dass du wählerisch sein sollst, mit wem du dich umgibst und wie es sich anfühlte, als ich merkte, dass es Menschen gibt, die sich durch meine Reisen inspirieren liessen (ich habe bis heute kein Wort dafür gefunden).

Und doch, trotz all dieser Erlebnisse und Ideen kam immer noch kein Brief bei dir an. Warum?

Es ist einfach, Mila, und trotzdem so schwierig. Mir fehlte der Mut!

Ja, dem Mädchen, dass alleine auf Autobahnraststätten übernachtet, sich in grosse Wellen stürzt, sich in Marokko von Fremden einladen lässt, per Autostopp durch Zentralamerika düst und sich, um ein Kätzchen zu retten, mit allen Männern der Welt raufen würde, fehlt der Mut. Du musst verstehen, bei meinen Briefen an dich kehre ich mein Inneres nach aussen. Wie ein Magier der seine Tricks preisgibt, verrate ich dir und denen die dir beim Lesen über die Schulter schauen, was wirklich in mir vorgeht. Das macht mir Angst.

Als ich begann, dir diese Briefe zu schreiben, war ich gerade ich 25 Jahre alt geworden. Ein Vierteljahrhundert also. Dieser Geburtstag war für mich ein Meilenstein. Es war Zeit, meine Träume endlich wahr zu machen. Fertig mit den Ausreden, mit der Angst und den Bedenken. Immerhin war ich jetzt erwachsen. Ich reiste zu diesen exotischen Orten, die die Worte nur so aus mir heraussprudeln liessen. Ein wunderbarer Freund stand mir zur Seite und ermutigte mich, dir immer weiter Briefe zu schreiben. Meine Träume nahmen mehr und mehr Formen an. Ich pendelte um die Welt, half wo ich konnte, schrieb darüber und erhielt unglaubliche Rückmeldungen. Es ist ein Privileg, über das eigene Leben schreiben zu dürfen, verstehst du? Meine Zukunft wurde Realität.

Doch nach meiner Rückkehr in die Schweiz kam die Flaute. Reisen ist wer ich bin. Es liegt in meinen Genen, ich bin damit geboren. Ich kann mich an keine Zeit in meinem Leben erinnern, in der ich nicht davon geträumt habe, in fremde Länder zu reisen. Keine Zeit in der ich nicht einen Ruf und einen Sog verspürte. Das bin ich. Es gibt keinen Grund oder Auslöser für mein Fernweh. Manche Leute sind geborene Sänger oder Tänzer. Ich, ich bin eine Reisende. So sehr ich mein Zuhause und alle Menschen und Tiere darin liebe, so sehr brauche ich doch diese Orte, die mein Herz zum tanzen bringen, zum schreiben.

Wer einmal losgegangen ist, die Faulheit, Angst oder Vorurteile die ihn zurückgehalten haben, überwunden hat, der wird wohl nie wieder davon lassen können. Vom Weggehen, vom Entdecken, vom Horizont. Genau so wie man Sätze erst durch Worte und Worte erst durch Buchstaben erkennen kann, so ist die Welt nur durch Reisen, kleine und grosse Schritte, entdeckbar. Doch wer einmal die Weite, Grösse und Unfassbarkeit erfahren hat, wer mit offenen Augen und lebendigen Sinnen und Geist versucht hat die welt zu sehen und zu fühlen, zu begreifen oder wenigstens zu greifen, der kann nicht zurück. Zurück in die Enge des Vorher. Denn egal wie gross dieses Vorher war, es ist niemals so gross wie die Welt.

Nun fühlte ich mich plötzlich wieder versumpft im Alltag, fühlte mich wieder heruntergezogen von der Angst, von anderen für meine Briefe an dich verurteilt oder gar ausgelacht zu werden. Das Gefühl, dass mein Leben auch nur ein Mü anders ist, als das der anderen, dass es Wert ist, darüber zu schreiben, verschwand mehr und mehr. Plötzlich fühlte ich mich wieder, als hätte ich nichts erreicht, als wäre meine Zukunft noch weiter weg als vorher. Ich war gewöhnlich, langweilig und durchsichtig.

Warum also jetzt? Schreibe ich diesen Brief an einem Strand am anderen Ende der Welt? Bin ich in Kalifornien um dich zu besuchen? Oder besteige ich morgen den Machu Pichu? – Nein, ich tippe ihn in der Uni Bibliothek in Zürich. Eher nicht so exotisch, oder?

Aber ich habe eine Lektion gelernt, die ich mit dir teilen möchte.

In den letzten Wochen tauchte eine Kampagne immer wieder auf meiner Facebook Hauptseite auf. Die Save Kimi – Be Fur Free Kampagne von Vier Pfoten. Durch die täglichen Posts der VierPfoten Aktivisten wurde mir klar, wie viel ein Einzelner bewirken kann. Ich konnte zusehen, wie diese Kampagne wuchs und immer mehr Menschen daran teilnahmen. Fast täglich sah ich neue Bilder von Protestaktionen in grossen Städten Europas, Menschen die in Kimi-Masken vor Burberry-Shops posierten und Poster in die Höhe strecken. Doch all das war nur möglich, dank der harten und inspirierten Arbeit der Aktivisten. Menschen, die sich trauen, zu kämpfen, für eine bessere Welt, ihre Stimmen erheben und nicht aufgeben. Auch wenn die Möglichkeit besteht, zu verlieren.

Mir wurde bewusst, dass ich, wenn ich eine Zukunft möchte, in der meine Worte und Taten Menschen erreichen, dafür arbeiten muss. Ich muss mich trauen, auch wenn die Gefahr besteht, dass andere mich belächeln. Auch ich möchte eine bessere Welt. Für mich, für dich und für uns alle. Davon träume ich und dafür muss ich weiter arbeiten. In meinen Briefen an dich, an der Universität und in meinem täglichen Leben.

Liebe Mila, Träume erfüllen sich nicht von alleine. Sie erfordern viel Mut und Arbeit. Aber sie sind es wert!

In diesem Sinne: Bis zum nächsten Brief!

In Liebe,

– A.

 

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Anm.: Mut ist einer der Pfeiler des Glücks ist ein Zitat des Philosophen Perikles.

Es liegt ein feiner Zauber im Geschmack des Tees – Kakuzo Okura

Es liegt ein feiner Zauber im Geschmack des Tees – Kakuzo Okura

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Liebe Mila,

Bevor du weiterliest, geh bitte in die Küche und koche dir eine Tasse Tee. Gib, wenn du magst, etwas Milch dazu, vielleicht etwas Zucker. Dann mach es dir gemütlich.

Hast du die heisse Tasse Tee in der Hand? Riechst du die Intensität , siehst du die dunkle Farbe? – Gut. Denn ich möchte dir in diesem Brief beschreiben, woher der Tee kommt, den du gerade trinkst.

Es ist 7 Uhr 30 morgens, mitten in den Bergen Sri Lankas. „Hello, how are you? Pen please? Candy please?“, begrüssen mich junge Schulmädchen, etwa in deinem Alter. Ihre langen, glänzenden schwarzen Haare sind zu zwei engen Zöpfen geflochten, die auf und ab hüpfen, als sie in ihren schneeweissen Schuluniformen die gewundene Strasse herab auf mich zu rennen.

Schuldbewusst schüttle ich den Kopf – ich trage weder Stifte noch Süssigkeiten auf mir. Sie mustern mich kurz, wenige Sekunden später sind sie verschwunden – noch bevor ich herausfinden kann, ob ihr Blick Verwunderung, Belustigung oder Abschätzung bedeutete. Kichernd und rufend rennen sie auf versteckten Trampelpfaden durch dunkelgrüne Teesträucher ins Tal. Ab und zu blitzt eine weisse Schuluniform durch das Gebüsch oder ich erhasche einen Blick auf ihre wippenden Zöpfe.

Mein Versuch ihnen zu folgen scheitert kläglich. Ich alter Furz schaffe es nicht mehr, Schulkindern über Stock und Stein bergabwärts zu folgen. So bleibe ich zurück und geniesse für einen Moment die angenehme kühle eines Baches der plätschernd v durch die Plantagen gluckert. Das Wasser ist kristallklar, genau wie die Aussicht. Ich schaue ins Tal. Gut fünfzig Kinder in weissen und blauen Uniformen tauchen von allen Seiten zwischen den Sträuchern auf und strömen weit unten in ein buntes Gebäude. Zwischen mir und dem Schulhaus gibt es nur eines: Grün. Soweit das Auge reicht, bis ans den Horizont und noch weiter. Die Teepflanzen schmiegen sich an das kurvige Relief der Berge, Reihe an Reihe, Pflanze an Pflanze. Nur eine einzige dünne Strasse stört die Zweisamkeit und schlängelt sich in gemächlichen Kurven den Berg hinauf.

Der Mond hing als dünne Sichel am dunkelblauen Himmel – nur am Horizont franste das Blau langsam in ein helleres Violett und dann Rosa aus – als ich heute Morgen in einem kleinen Tuktuk Richtung Sonnenaufgang geholpert bin. Mein Ziel war „Lipton’s Seat“, am obersten Ende der Teeplantage, die früher der Familie Lipton (Ice Tea) gehörte. Herr Lipton pflegte mit seinem Pferd dort hinauf zu reiten um seinen Gästen sein Herrschaftsgebiet zu zeigen. Recht hatte er, denn es ist wahrlich ein Königreich.

Im Süden fällt eine waldbewachsene Klippe mehrere hundert Meter steil ab und gibt den Blick frei auf Sri Lankas Flachland mit unzähligen Seen und Hügeln. Dünne Nebelschwaden hingen zwischen den Tälern wie weiche Kissen aus denen verschlafene Dörfer gerade im ersten Licht des Tages erwachten.

Im Norden funkeln Teeplantagen saphirgrün. Die kleine, von Blumen gesäumte Strasse die mich hierher geführt hatte war noch immer menschenleer.

Kies knirschte unter meinen Sohlen als ich den Aussichtspunkt hoch kraxelte, der wie ein kleiner Thron – alles überblickend – auf dem Berg sitzt. Von diesem Balkon aus beobachtete ich wie die Morgensonne sich innert Minuten aus den rosa Wolken schälte und die gesamte Ferne mit warmem Licht erfasste. Kein menschliches Geräusch war zu hören. Nur das morgendliche Konzert tausender Vögel von fern und nah erklang.

In dem Moment, ich hatte keine Wahl Mila, überkam es mich. Ich tanzte. Musste tanzen. Nichts hätte diesen Moment, diesen Ort und diese Aussicht perfekter machen können. Und so tanzte entlang dem Tageslicht in den Morgen.

Auf meinem Weg ins Tal begegne ich nicht nur Schulkindern. Inzwischen sind die umliegenden Dörfer erwacht und alle fünfzig Meter empfängt mich ein höfliches „Good morning, Ma’am“ von Männern, mit Schaufel und Harken bewaffnet oder in schwarzen Uniformen auf dem Weg zur Arbeit in der Fabrik, wo der Tee den du gerade trinkst, hergestellt wird.

Ich passiere eine Gruppe laut schwatzender Teepflückerinnen („Hellooo, Good Morning“) in bunten Saris. Die grossen Behälter in der sie ihre Ernte sammeln bereits um die Stirn geschlungen bewegen sie sich mit bewundernswerter Leichtigkeit durch die dicht bewachsenen Steilhänge. Bei einem späteren Besuch in der Teefabrik, lerne ich, dass allein auf dieser Plantage täglich 1500 Arbeiterinnen mehrere Tonnen Blätter pflücken.

Auf einer kleinen Anhöhe entlang der Strasse setze ich mich und schaue auf eine Siedlung hinab. Ein kleines Kind erkennt mich von Weitem – weisse Haut ist hier auffällig – und winkt aufgeregt, so lange, bis ich in einer grossen Geste zurückwinke. Die Einfachheit dieses Morgens wecken in mir Dankbarkeit und eine tiefe Sehnsucht nach Frieden.

Von weitem beobachte ich das bunte Treiben ländlicher Gemächlichkeit – Dorfbewohner die ihre Gemüsegärten bewässern und bunte Decken im Fenster ausschütteln. Rauch dringt aus den Öfen der bunten Häusern während die Frauen Naan Brot und Frühstück zubereiten.

Das alles gibt es zu entdecken – mitten in den endlosen Teefeldern, deren Pflanzen bald schon zu dem Getränk werden, das du gerade in der Hand hast, Mila. Wer weiss, vielleicht trinkst du gerade einen Tee der von der Frau gepflückt wurde die mich heute so freundlich begrüsst hat? Das ist der Zauber im Geschmack des Tees.

Als ich einige Stunden später in meinem Gasthaus ankam war ich hungrig und müde. Aber zufrieden. Diesen Morgen empfand ich als Geschenk von Sri Lanka an mich. Als Erinnerung an Frieden und Schönheit trage ich es von nun an immer bei mir.

Vielleicht siehst du das nächste Mal, wenn du dir eine Tasse Tee einschenkst, auch die schönen grünen Hügel Sri Lanka’s vor dir.

In Liebe

-A.

(Die Fotos sind nicht von mir sondern gehören http://www.travbuddy.com, da meine Kamera den Geist aufgeben hatte. Sie zeigen daher auch nicht zu 100% die Schönheit die ich gesehen habe.)

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Warst du schon einmal verliebt? – Teil 1

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Liebe Mila,

Warst du schon einmal verliebt?

Kennst du die kribbelnde Wärme die sich dann in deinem Körper ausbreitet? Das Lächeln, das sich auf dein Gesicht schmuggelt beim blossen Gedanken an die Person die es irgendwie geschafft hat dein Herz zu berühren?

Was ist mit der dunklen Leere, dem Schweigen und der Enttäuschung einer unerfüllten Liebe? Oder sogar das leichte Gefühl von sich lichtendem Nebel nachdem man es endlich geschafft hat, sich von einem Menschen zu lösen an dem man wohl viel zu lange festgehalten hat?

Du bist noch so jung, Mila, und du hast noch viele Jahre Zeit, diese Gefühle, so unweigerlich miteinander verknüpft, kenne zu lernen. Sie sind Teil unserer Leben und ohne sie wären wir um so vieles ärmer.

Aber auch Reisen ist Leben. Und mit dem Leben kommt die Liebe. So ist jeder Ort dem man begegnet wie eine Liebesaffäre. In manche verliebst du dich auf den ersten Blick – eure Zeit zusammen ist leidenschaftlich, voller Sonnenuntergänge am Strand, Abenteuer und Gelächter. Doch es kann sein, dass dir am Ende nichts bleibt ausser Sand in den Schuhen und ein Rückflugticket in den grauen Regen.

Vielleicht ist ein Ort aber schüchtern und du musst zuerst die hintersten Winkel erkunden, die höchsten Berge erklimmen oder zu den tiefsten Wracks tauchen bis er dir seine Seele offenbart.

Manchmal nützt alles nichts, denn du wurdest hergelockt unter falschen Versprechungen. Photoshop und Hochglanzmagazine versprachen dir muskulöse Berge, füllige Wälder und das weisse Lächeln tropischer Strände. Wenn diese Versprechungen dann von der Wahrheit eingeholt werden kann die Liebe schnell verpuffen.

Von manchen werden wir zurückgewiesen. Egal wie sehr wir versuchen ihnen nah zu kommen, sie verweigern uns ihre Schönheit. Bis wir uns besiegt und kleinlaut davonschleichen.

Doch Liebe kommt unerwartet. Unverhofft. Du kannst dir aussuchen wohin du verreisen möchtest. Aber nicht, wo du am Ende landest. Denn wenn es passiert, ist es um dich geschehen. Sofern du es zulassen kannst. Du kannst nicht bereit sein, aber du kannst zugeben, dass du es nie sein wirst.

Denn plötzlich findest du dich an einem Ort voller Magie wieder. Wo regen nicht mehr Grau sondern Grün bedeutet. Wo sich hinter jeder Ecke ein neues aufregendes Geheimnis verbirgt. Vorsichtig erkundest du jetzt den unbekannten Körper aus Tälern und Bergen, Seen und Wäldern. Es ist nicht immer einfach, vielleicht musst du sogar eine komplett neue Sprache lernen um in die Seele deiner Auserwählten vorzudringen. Du musst dich selbst zeigen, bist jetzt verletzlich, während du mehr und mehr von dir selber offen legst. Jetzt senkst du deine zum Schutz gehobene Hand mit der Fotokamera und tauschst die Linse mit dem Herzen.

Jede Liebesgeschichte hat aber auch ein Ende. Was uns bleibt ist die Erinnerung. Sehe ich heute die Milchstrasse am Nachthimmel kehre ich unweigerlich zurück nach Nicaragua. Dem Land, das mir eine Nacht in den Sternen schenkte. Ägypten zeigte mir die Schätze des Ozeans. Frankreich trug den Duft von Pinienwäldern und Kaffee an einem kühlen Morgen. Mit Australien tanzte ich bis in die frühen Morgenstunden während die USA mir eine Lektion in Geduld erteilten. Niemals werde ich Marokkos Lächeln und Glanz vergessen können.

Wie von Menschen habe ich von all meinen geographischen Lieben etwas gelernt und geschenkt bekommen. Mit jeder verbinden mich gute und schlechte Momente. Eine führte mich unweigerlich zur nächsten und jeder schenkte ich einen Teil meines Herzens.

Jeder von uns kann sich verlieben. Auch du! Wenn du dich traust fortzugehen. Denn jede Reise beginnt mit einem Schritt und jede Liebe mit einem Augenblick.

In Liebe

– A.

Heute war ich ein Vogel

Liebe Mila,

Heute war ich ein Vogel.

Auf dem Rücksitz eines Motorrades sauste ich durch den Himmel.

Im Zickzack flitzte ich vorbei an zum Gruss gehobenen Armen, zwischen Autos und Motorrädern hindurch, vorbei an lachenden Gesichtern, die das Eigene wiederspiegeln, sich mit dem Herzen verschmelzen und sich für immer in mir vereinen. Eingraviert in meine Seele – „Ich war hier.“

In der Hitze – getränkt mit Sonnenstrahlen und Benzin – schoben sich über den dschungelbedeckten Vulkanen dunkle Wolken voller Verlangen auf die Sonne zu, als wollten sie sie in den dunklen Krater des Berges locken.

So vermischten sich die verbleibenden Lichtstrahlen mit der Landschaft aus schwirrendem Grün und dem Rot der Lotusblüten zu einem Wirbel aus tanzenden Farben und Freiheit.

Mit ausgebreiteten Flügeln stieg ich der Sonne entgegen, kurz bevor sie den Abgrund erreichte. – „Ist das die Sehnsucht oder schon das Glück?“

Die Hitze verwandelte sich in eine nebelgetränkte Kühle und meine Flügel in Wurzeln. Das Gefühl meiner von Beton verbrannten Füsse auf kühlem Grass. Die singenden Stille moosbewachsener Bäume, so majestätisch wie die Hochhäuser von Dubai. Vorsichtig hinterliess ich meine Fussspuren in dieser Erde der Ewigkeit, diesem kleinen Rest eines vergangenen Königreiches der Natur.

Plötzlich war ich wieder ein Mensch, ein Kind. Lachend rollte ich den Hügel hinunter zum See. In dreckigen Kleidern und Gras im Haar schnappte ich nach Luft. Eine Wiese so aufregend wie eine Achterbahn, eine junge Frau kichernd wie ein kleines Mädchen.

Das ist das schöne am Reisen, Mila. Du kannst alles sein und du wirst alles sein. Es gibt diese atemberaubenden Tage und Momente so voller Freiheit und Gelächter, dass man es kaum fassen kann. Diese Momente erfüllen einen so voller Leben und Dankbarkeit – niemand wird je sehen was wir sehen. Es fühlt sich an als wäre man gleichzeitig Kind und unsterblich. Wann immer du einen solchen Tag oder Moment erlebst, Mila, versuche ihn in deinem Herzen zu beschreiben und erinnere dich daran wenn der Himmel einmal wieder grau ist und die Wolken die Sonne erreicht haben. Wenn die Monotonie und tägliche Last dich runterziehen, denke daran, dass es Tage gab und geben wird, an denen wir über dem Urwald segeln wie ein Vogel.

In Liebe

-A.

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Und wo bist du am Nyepi-Tag? oder: Wie man eine Insel ausschaltet

Liebe Mila

„Und wo bist du am Nyepi-Tag?“ Das war wohl die am meisten gestellte Frage auf Bali letzte Woche.

Ja, du hast richtig gelesen, dieser Brief schreibe ich dir aus dem fernen Bali in Indonesien. Weißt du noch, dass ich sagte, ich gehe in eine andere Welt? Manchmal kommt es mir vor, als sei mein Raumschiff zu weit geflogen, denn ich fühle mich eher wie in einem anderen Universum. Warum? Das wirst du vielleicht verstehen, wenn ich dir von (meinem) Nyepi-Tag erzähle.

Nyepi – Der Tag der Stille – ist das balinesische Neujahrsfest. An dem Tag wird die Welt von Dämonen und bösen Geistern gereinigt. Nyepi besteht aus mehreren Hauptzeremonien über mehrere Tage verteilt.

Drei Tage vor dem eigentlichen Tag der Stille findet Melasti statt. In dieser Zeremonie werden die Stätten der Götter jedes einzelnen Tempel im nächsten Gewässer gereinigt. Es gibt unglaublich viele Tempel auf Bali, Mila, denn jedes Haus und jedes Dorf hat mindestens einen. Während der Melasti Zeremonie werden also diese Schreine zum Beispiel zum Ozean gebracht, wo sie von Neptun gereinigt werden.

Dir hätte Melasti bestimmt gefallen. Ich hatte das Glück, eines beobachten zu können. Mitten in der Nacht pilgerten laut brummend, lärmend, lachend und kreischend hunderte traditionell Gewandete Einheimische an unserem Hostel vorbei zum Strand. Sie kamen zu Fuss, mit dem Auto, dem Motorrad, zu zweit oder zu zehnt. Bis es hunderte waren. Einige brachten Essen, andere trugen die Schreine auf den Schultern. Als ich den Lärm und das Gelächter von meinem Bett aus hörte, dachte ich sofort an dich: „Was würde Mila jetzt tun?“ Die Antwort auf diese Frage kennst du selber am besten, oder? Deshalb kramte ich statt der Ohrstöpsel meine Brille aus meinem Rucksack und folgte – so unauffällig wie das als blonde Touristin in Bali geht – der Zeremonie. Das Bild das sich mir am Strand eröffnete hätte dir gefallen, Mila. Die 6-10 jungen Männer die je einen Schrein auf den Schultern balancierten jagten damit durch die Wellen, rannten den Strand rauf und runter, johlten, lachten und prusteten vor Freude, während ihre Freunde ihnen den Weg mit Taschenlampen zum Haupttempel leuchteten. Kinder versuchten auf ihren kurzen Beinchen mit den grossen Brüdern schritt zu halten. Frauen balancierten Essen auf den Köpfen und Säuglinge in den Armen und schwatzten laut und lachend.

Ich folgte der Gruppe noch eine Weile dem Strand entlang. Leider habe ich dann die Zeremonie aus den Augen verloren, da ich ihr – aus Respekt und Vorsicht – nicht bis zum Haupttempel folgen wollte. Man sollte immer Respekt vor einer Religion haben, Mila, auch wenn man ihr nicht angehört, ja?

Wirklich interessant wird es nun aber am Tawung Kesanga, dem Tag vor Nyepi. Hier lautet das Hauptstichwort „Ogooh-Ogooh“. Das sind riesige Statuen, die als Verkörperung der Dämonen von denen Bali gereinigt werden soll fungieren. Du kannst dir einen „Ogooh-Ogooh“ als eine Mischung zwischen einem Hindu-Gott und einem Marvel-Comic Bösewicht vorstellen. Aber ich habe dir natürlich auch ein Foto von einem besonders prächtigen Ogooh-Ogooh mitgeschickt.

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Hunderte, ja tausende dieser Statuen wurden also überall in Bali durch die Strassen getragen. Es wurden Hähne geopfert, Opfergaben niedergelegt, gebetet und gesungen. Die meisten dieser Ogooh-Ogoohs werden dann – begleitet von lautem Getöse – verbrannt. So werden die bösen Geister vertrieben. Nur die besonders prächtigen bleiben verschont und werden bis zum nächsten Jahr verstaut. Meinst du es ist eine gute Idee einen „bösen Geist“ zuhause aufzubewahren, nur weil er besonders wertvoll ist?

Um 6 Uhr morgens beginnt dann der eigentliche Nyepi-Tag: der Tag der Stille. Und wenn die Balinesen sagen Stille, dann meinen sie Stille. Richtig still. Stillstand. Nyepi steht für Meditation und Balance. Ab 6 Uhr morgens sind 24 Stunden lang Läden geschlossen, keine lauten Geräusche, kein Licht und keine Arbeit erlaubt. Man darf nicht einmal auf offener Flamme kochen oder laut lachen. Kurz gesagt die Insel bewegungslos, keiner darf aus dem Haus. „Wie langweilig das sein muss“, denkst du jetzt vielleicht. Für einige mag das so sein, deshalb auch die Frage „Wo bist du am Nyepi-Tag?“, denn viele Touristen und nicht-Hindus verlassen die Insel für diesen Tag.

Tönt das ganze für dich sogar etwas unrealistisch? Ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass Bali wirklich ganz “ausgeschaltet” wird während dieser Zeit. Immerhin ist es ja auch voller Touristen. Aber sogar der Flughafen wurde ausser Betrieb genommen. Einzig die Krankenhäuser und einige wenige Notfalldienste funktionierten weiter. Religionspolizisten patrouillierten die Strassen um für die Einhaltung der Regeln zu sorgen. Wir haben sie sogar von unserem Balkon aus gesehen, wie sie mit ihren Taschenlampen durch die Strassen liefen. Das war wirklich gespenstig und wir hatten das Gefühl, uns vor ihnen – mit viel Gekicher – verstecken zu müssen.

Ausser die Meditation und Selbstreflektion hat die Dunkelheit der Nyepi-Nacht aber auch noch einen weiteren Zweck: durch die Dunkelheit finden die verscheuchten Dämonen nicht mehr nach Bali zurück und passieren so die Insel, ohne sie wieder zu befallen. Brillant, oder? Vielleicht glaubst du mir immer noch nicht, dass wirklich die ganze Insel in Dunkelheit gehüllt war, deshalb habe ich dir ein vorher-nachher Foto gemacht. Damit dich selber überzeugen kannst. Wir hatten sogar Sicht auf den Flughafen, den du ganz hinten auf dem Foto siehst.

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Nyepi hat mich zutiefst beeindruckt. Aus verschiedenen Gründen. Für viele Menschen ist es unvorstellbar an etwas wie Geister oder Dämonen zu glauben. Doch für die Balinesen ist es, wie bei den meisten religiösen Menschen, kein Frage des Glaubens. Für sie ist es hundertprozentige Wahrheit. Eine Wahrheit die ihre Leben stärker beeinflusst als alles andere. Sie glauben so sehr daran, dass es Realität wird. Verstehst du was ich meine? Für sie wird es wahr weil sie daran glauben. Nur so lässt sich auch im heutigen globalisierten und touristischen Bali etwas derart drastisches durchführen. Für einige Touristen mag das zwar etwas ungelegen kommen, aber es gibt auch einige ganz simple Vorzüge dieser Tradition. Durch Nyepi werden jedes Jahr 20’000 Tonnen CO2 eingespart, die Sterne sind wieder in ihrer vollen Pracht zu sehen und auch die Tiere haben wieder einmal ihren Frieden.

Was meinst du Mila, sollten wir uns nicht von den Balinesen inspirieren lassen und auf der ganzen Welt Nyepi-Tag feiern? Stell dir eine Welt vor, die einmal stillsteht und meditiert, nachdenkt und Pause macht. Eine Welt, von der wir alle einmal in einem mentalen Raumschiff in ein (balinesisches) Universum entfliehen könnten.

In Liebe

-A.

Dubai – Die Maskenstadt

Liebe Mila,

Mein letzter Brief an dich ist erst 6 Tage her, aber es kommt mir viel länger vor. Hier in der anderen Welt verläuft die Zeit nicht nach den gleichen Regeln. Sie wird nicht in Sekunden oder Stunden gemessen, sondern daran, wie viel Leben die Momente erfüllt.

Inzwischen habe ich etwas mehr über Dubai herausgefunden. Ich hoffe du bist schon gespannt. Aber wenn wir versuchen wollen, diese Stadt und ihre Bewohner zu verstehen hilft es vielleicht, wenn ich dir zuerst etwas über die Stadt selber erzähle.

Der Name Dubai steht eigentlich für ein ganzes Emirat, also für einen „Staat“ der Vereinigten Arabischen Emirate. Dieser Staat besteht zum grössten Teil aus Wüste. Dubai-Stadt wurde quasi aus dem Nichts heraus in dieser Wüste erschaffen. Bevor 1966 Öl gefunden wurde, gab es in der Region hauptsächlich Perlenfischer und Seehändler, doch als die Perlenfischerei zusammenbrach, war das nicht so schlimm. Denn wo Öl ist, ist Geld. Leider. Es gibt ein arabisches Sprichwort das lautet: „Daba Dubai“ und bedeutet „Sie kamen mit viel Geld“, denn sogar der Name Dubai komme anscheinend von einem alten arabischen Wort für „Geld“. Du merkst also schon, in Dubai dreht sich alles darum.

Du kannst dir die Stadt vorstellen wie eine grosse Spielzeugstadt aus Plastik. Hartes, glänzendes Plastik mitten in einer natürlichen Wüste. Es gibt dort Häuser so hoch, dass man sich aus dem Autofenster lehnen und den Kopf verdrehen muss um auch nur die Hälfte des Turmes sehen zu können. Hast du jemals so grosse Gebäude gesehen? Da wird einem richtig schwindelig, das sag ich dir. Es gibt sogar das höchste Gebäude der Welt, das nachts glitzert wie der Eiffelturm und ein anderes das aussieht wie ein Segel im Wind. Sie sind schön, diese Gebäude. Dazwischen schlängeln sich breite Strassen mit schnellen, lauten Autos. Man merkt gar nicht mehr, dass man eigentlich in der Wüste ist, denn es wurden so viele Blumen gepflanzt und noch viel mehr Beton gegossen, dass man den Sand gar nicht mehr sieht. Ich weiss nicht, woher das Wasser kommt, um diese Blumen zu giessen. Aber ich weiss, dass es nicht aus der Wüste kommt. Was glaubst du, von wie weit her es kommt?

Genau wie das Wasser kommen auch die meisten Menschen die in Dubai leben von weit her. Sie kommen aus allen möglichen Ländern, die man sich vorstellen kann. Mehr als drei Viertel der Einwohner in Dubai sind Ausländer. Möchtest du einige kennen lernen?

Ich stelle sie dir vor. Immerhin wollte ich dir ja die Geschichten der Bewohner Dubais erzählen. In der kurzen Zeit, die ich in diesem Babylon der Moderne verbracht habe, eröffnete sich mir eine Schatzkiste aus kurzen Augenblicken in den Leben dieser Menschen. Hinter der Fassade aus Internationalität, Restaurants, Shoppingcentren und schnellen Autos findet man beim genaueren hinschauen Menschen auf der Suche nach Geld, Glück und ihrer Bestimmung. Sie sind mehr als nur Nationalitäten oder Arbeiter. Diese Verschleierung zu lüften war meine Herausforderung in Dubai, weißt du noch, Mila? 

Da gab es zum Beispiel die russische Flight Attendant die ein Auge auf ihren Mitarbeiter geworfen hatte und ihn zufällig beim Tanzen wiedersah. Vielleicht der Beginn einer grossen Liebe? Oder der Nepalese, der zwar im pompösen Dubai lebt und ein Sportauto fährt aber von dort aus Trekkings in die Berge seines Heimatlandes organisiert. Ich habe eine Gruppe Jugendliche getroffen, die Abends zusammen House-Musik hören, und Videospiele spielen. Sie kamen aus Ungarn, Jamaika, den Philippinen, und Slowenien. Länder wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, oder? Sie sind hier aufgewachsen und finden ihre Kindheit sei so normal verlaufen wie jede andere.

In Dubai tanzen Frauen aus Angola mit Männern aus dem Iran kubanischen Salsa und trinken danach Long Island Ice Tea, während in der gleichen Bar schöne verschleierte arabische Frauen in glitzernden traditionellen Gewändern sich laut lachend unterhalten. Im Kulturzentrum malt ein Amerikaner Kamele auf eine Leinwand während eine junge Araberin mit rot gefärbtem Haar moderne Kunst der Popkultur vermittelt. Sind das nicht wunderschöne, ja beinahe magische Widersprüche?

Nun, ich kann dir sagen, ich habe mir ein sehr menschliches Bild von Dubai machen können. Viele Menschen kommen hier her und suchen Glück. Doch oft finden sie nur Geld. „Dubai zerstört Beziehungen“, haben sie mir gesagt. Es sei ein Ort um Karriere zu machen, hart zu arbeiten und an dem man alles erreichen kann. Aber kein Ort der Liebe und Zuneigung oder um eine Familie zu gründen. Tatsächlich strahlt die Stadt für mch etwas trauriges aus, Mila, beinahe trostlos. Denn ich habe wenige lachende Gesichter auf der Strasse gesehen. Ein Strahlen, wie es mir aus deinen Augen immer entgegenfunkelte scheint dort zu erlöschen, erstickt unter Konsum- und Geldgier. „Dubai saugt das Leben aus den Menschen“, sagte mir jemand.

Der syrische Salsa Lehrer, der seit 17 Jahren in Dubai lebt, zögerte bei der Frage, ob es ihm in Dubai gefalle. Schliesslich sagte er: „Man erschafft sein eigenes Glück, weißt du?“. Das ist ein guter Rat, Mila, den du dir unbedingt merken solltest. Er hat sein Glück gefunden, im Tanz und den Menschen die diese Passion mit ihm Teilen. Aber hintern den Steuern der schnellen Autos auf den von Türmen gesäumten Strassen Dubais sitzen viele gebrochene Herzen. Das macht mich traurig, Mila, dich auch? Würden sie doch nur erkennen, dass es diese Gier nach immer mehr ist, die ihre Herzen kalt werden lässt. So kalt wie ein Stück glänzendes Plastik.

Aber man sieht auch noch eine andere Realität dort. In der Stadt in der es fast am meisten Millionäre der Welt gibt, arbeiten Menschen für weniger als 5 Dollar pro Tag zum Beispiel als Putzfrauen oder Bauarbeiter. Sie werden in alten Bussen zur Arbeit gefahren und besitzen wenig Rechte. Sie scheinen hier genau so wenig Wert zu sein wie die Natur. Auch die wird hier schamlos ausgebeutet. Auf diesem Prinzip allein basiert der Reichtum dieser Stadt. Eine Stadt die sich hinter einer Maske aus Geld und Luxus verbirgt und deren Menschen hinter der Maske ihre gebrochenen Herzen und ihr Lachen verstecken.

Versteh mich bitte nicht falsch. Alle jene, die mir während der kurzen Zeit in Dubai begegnet sind waren nette und hoffnungsvolle Menschen, die mir mit Grosszügigkeit und Offenheit begegnet sind. Sie alle kamen nach Dubai in der Hoffnung auf ein besseres Leben, aber nicht alle haben es gefunden. Erst hinter der Autoscheibe erkennt man die Verletzlichkeit der Menschen. Erst wenn man neben ihnen sitzt teilt man ihre Realität. Genau deswegen macht es mich traurig, dass sie diese Masken tragen müssen. Ich hoffe, sie finden, wonach sie tief in ihren Herzen suchen!

Genau so wie ich hoffe, dass dein Herz weiterhin lacht und glitzert. Aber nicht wie ein Stück unechtes Plastik sondern wie der Ozean im Licht der aufgehenden Sonne!

In Liebe

-A.

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